Lesetrend BookTok: BookTok: Wie der Leseboom die sozialen Medien erobert

Der CEO – Fabulè-Team- - 5 min

Aktualisiert am

Ein weit verbreiteter, man könnte fast sagen universeller Satz in gesellschaftlichen und kulturellen Debatten lautet: „Die Jugend von heute liest nicht mehr, sie starrt nur noch auf ihr Smartphone.“ Eine Behauptung, an der durchaus etwas Wahres dran ist. Doch ausgerechnet aus den sozialen Medien scheint nun eine Trendwende zu kommen – dank des Phänomens, das als „BookTok“ bekannt ist.

Fabulès kleiner Lesevogel neben einem spoilerfreien Leseeinblick

Ein neuer Name für eine altbekannte Praxis

Eigentlich hat BookTok das Rad nicht neu erfunden. Kurz gesagt handelt es sich um 30-sekündige Videos auf TikTok, in denen User über ein Buch sprechen. Sie empfehlen es zum Kauf und Lesen, indem sie die Emotionen teilen, die das Buch in ihnen geweckt hat. Kommt Ihnen das bekannt vor? Ganz genau. Es ist im Grunde nichts anderes als Mundpropaganda und Buchrezensionen – verpackt auf eine einfache, wirkungsvolle und ansprechende Art für die TikTok-Community. Eine Generalüberholung, die offensichtlich funktioniert, wenn man sich die Zahlen ansieht:

  1. der Hashtag #booktok wurde weltweit bislang 73,5 Millionen Mal genutzt;
  2. allein in Italien verzeichnet #booktokitalia weit über eine Million Beiträge.

Ein sensationelles Ergebnis, wenn man das Durchschnittsalter der Plattform-Nutzer bedenkt: Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 30 Jahren. Also genau jene Generationen, die im allgemeinen Verständnis als besonders lesefaul gelten.

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Vom Fast-Scrolling zum entschleunigten Lesen

Aber wie kann ein so schnelles, unmittelbares Medium als Katalysator für eine Tätigkeit dienen, die im Gegenteil Zeit, Langsamkeit und eine besonders fokussierte Aufmerksamkeit erfordert? Der Schlüssel liegt in den Emotionen – einer Sprache, die sofort berührt und dort ankommt, wo reine Fakten oft versagen. Wenn es den Creator*innen gelingt, in wenigen Sekunden die Gefühle zu vermitteln, die das Buch in ihnen ausgelöst hat, kann das Video viral gehen und ein riesiges Publikum erreichen. Es sind vor allem drei Schlüsselelemente, die den Erfolg des Phänomens ausmachen und es viral gehen lassen:

  1. Unmittelbare Emotionen: Die Videos funktionieren, weil sie echte Gefühle transportieren;
  2. Identifikation und Vertrauen: Die User finden sich in den Creator*innen wieder und vertrauen ihnen, weil sie ihnen ähneln;
  3. FOMO (Fear Of Missing Out): Die Angst, etwas zu verpassen, worüber alle reden. Dies spricht das menschliche Bedürfnis an, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die einen sozial aufwertet.

Zusammenfassend lässt sich sagen: #booktok funktioniert, weil es den Wunsch nach Identifikation mit den Creator*innen mit der Freude verbindet, emotionale Momente mit Gleichgesinnten zu teilen.

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Von Social Media in die Buchläden: Die Renaissance der Genre-Literatur

Von diesem Trend profitieren – neben den Verlagen, die die Entwicklung natürlich sehr aufmerksam verfolgen – vor allem die Genre-Literatur und ganz bestimmte Subgenres. Allen voran Fantasy, Romance und deren Verschmelzung zu „Romantasy“ – ein Hybrid-Genre, das bei Millennials und der Gen Z extrem gut ankommt. Dieser Erfolg geht weit über die sozialen Netzwerke hinaus und erreicht die analogen Buchhandlungen: Der meistverkaufte Roman Italiens im Jahr 2022, Der Tränenmacher von Erin Doom, erlebte seinen Durchbruch überhaupt erst dank BookTok.

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TikTok als neuer literarischer Trendsetter oder getarnte Gleichmacherei?

Abseits von Genre-Vorlieben hat das Phänomen eine enorme kulturelle Relevanz. Es ermöglicht einem sozialen Netzwerk, dessen Kernmerkmale Schnelligkeit und Kürze sind, die literarische Neugier und das Interesse junger Menschen auf das Lesen zu lenken. Das verleiht der Nutzung der Plattform zweifellos eine ethische Dimension, die die dort vermittelten Werte zumindest teilweise neu definiert. Dem gegenüber steht jedoch die Kehrseite der Medaille: Soziale Medien werden von Algorithmen gesteuert. Es besteht das Risiko, dass nur bestimmte Titel und Genres viral gehen, während andere auf der Strecke bleiben – was letztlich zu einer Uniformität des Publikumsgeschmacks führen kann.

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Vergänglicher Trend oder struktureller Wandel?

Wer in den sozialen Medien unterwegs ist, weiß genau: Was heute Trend ist, kann morgen schon wieder von gestern sein. Wie lässt sich also die extreme Schnelllebigkeit des Mediums mit einer so langsamen Tätigkeit wie dem Lesen vereinbaren? Ist #booktok nur eine vorübergehende Modeerscheinung oder tatsächlich der richtige Weg, um junge Generationen wieder für Literatur zu begeistern? Die Antwort auf diese Fragen liegt vielleicht in einem Perspektivenwechsel. Die Sorge, dass Jugendliche weit weniger lesen als frühere Generationen, ist oft begründet. Doch statt nach dem Warum zu fragen oder mit dem Finger auf andere „ablenkende“ Faktoren zu zeigen, sollte der Blick darauf gerichtet werden, wie Teenager und junge Erwachsene heute überhaupt zu Büchern finden – nämlich über Wege, die Teil ihres Alltags sind und ihre Sprache sprechen. In diesem Sinne bietet #booktok die Chance, eine völlig neue Generation begeisterter digitaler Leserinnen und Leser heranzuziehen. Gleichzeitig entwickeln sich die Creator*innen zu modernen Kulturvermittlern im digitalen Raum. Mit ihren viralen Posts besitzen sie eine enorme Gestaltungskraft: Sie können nicht nur das Interesse an Genre-Literatur wecken, sondern auch den Weg zu anspruchsvolleren Werken ebnen. Langfristig kann dies die persönliche Bildung und das Denken junger Menschen prägen – im Sinne einer erhofften, vielleicht sogar „zukunftsweisend aufgeklärten“ gesellschaftlichen Renaissance.

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