Perché si piange per i personaggi dei libri?

Warum wir um Buchfiguren weinen: Die Psychologie des Lesens

Antonio D’Onofrio--5 min

Früher oder später passiert es jedem beim Lesen eines fesselnden Buchs: Stirbt eine Figur oder scheidet aus der Geschichte aus, treten uns die Tränen in die Augen und wir spüren einen Kloss im Hals; umkreisen sich zwei Charaktere in einem zarten Liebesreigen, fiebern wir mit und drücken die Daumen; erreicht eine Figur ihr Ziel, jubeln wir mit ihr. Doch kurz darauf schleicht sich oft ein Gedanke ein, womöglich begleitet von leiser Scham: »Aber es ist doch nur ein Buch, diese Figur existiert gar nicht.« Das stimmt natürlich. Und doch eröffnet genau diese Reaktion eine faszinierende Frage, die Philosophie und Psychologie seit Jahrzehnten umtreibt: Wie können wir echten Schmerz, echte Freude oder tiefes Mitgefühl für jemanden empfinden, der in der Wirklichkeit nie existiert hat? Die Antwort liegt im Zusammenspiel mehrerer Mechanismen: Simulation, Immersion, Identifikation und Bindung. Und sie führt uns, wie wir sehen werden, zu einer erhellenden Selbsterkenntnis.

Fabulès kleiner Lesevogel neben einem spoilerfreien Leseeinblick

Das Paradoxon der Fiktion

Der Philosoph Colin Radford versuchte 1975, genau dieses Rätsel zu lösen, und formulierte das sogenannte Paradoxon der Fiktion. Es stützt sich auf drei Prämissen, die für sich genommen jeweils einleuchtend erscheinen, sich aber gegenseitig widersprechen, wenn man sie zusammen betrachtet:

  1. Wir empfinden Emotionen für fiktive Figuren;
  2. Um echte Gefühle gegenüber etwas zu empfinden, müssen wir glauben, dass dieses Etwas existiert oder existiert hat;
  3. Wir wissen, dass fiktive Figuren nicht existieren.

Radford veranschaulichte dies anhand eines einfachen Beispiels: Erzählt uns ein Mann am Tresen einer Bar unter Tränen von der schweren Krankheit seiner Schwester, empfinden wir tiefes Mitgefühl. Erfahren wir jedoch kurz darauf, dass er ein Einzelkind ist, ändert sich unsere Reaktion augenblicklich und grundlegend. Beim Lesen eines Romans hingegen mindert das Wissen um den fiktiven Charakter der Figuren unsere Emotionen keineswegs. Radford schloss daraus, dass das Empfinden von Gefühlen für etwas rein Erdachtes ein zutiefst irrationales Verhalten sei. Andere Denker widersprachen dieser Sichtweise und entwickelten drei alternative Erklärungsansätze: Manche, wie Kendall Walton, argumentieren, dass beim Lesen lediglich »Quasi-Emotionen« entstehen – als würden wir das Fühlen gewissermassen spielerisch fingieren. Andere meinen, für echte Gefühle brauche es keinen Glauben an die reale Existenz, sondern lediglich eine lebendige Vergegenwärtigung. Wieder andere betonen, dass ein gelungener Roman während der Lektüre eine vollkommene Realitätsillusion erzeugt. Auch die Psychologie und die Neurowissenschaften haben dieses Phänomen erforscht: 2016 zeigte das Team um den Kognitionspsychologen Marco Sperduti, dass negative Szenen, wenn sie als Fiktion gekennzeichnet sind, zwar subjektiv schwächere emotionale Reaktionen auslösen als identische reale Szenen, die physiologische Erregung jedoch völlig identisch bleibt. Rief die Szene zudem persönliche Traumata oder eigene Erfahrungen wach, verblasste der dämpfende Effekt der Fiktion nahezu vollständig – ein deutlicher Beweis dafür, dass persönliche Relevanz schwerer wiegt als die Frage nach Realität oder Erfindung. Zahlreiche Studien bestätigen dieses Muster: Der fiktive Ursprung eines Ereignisses führt zwar zu einer quantitativen Abschwächung der Erregung, nicht aber zu einem qualitativen Unterschied. Einfach gesagt: Das Gefühl mag sanfter ausfallen, sein Wesen ändert sich nicht. Veranschaulichen lässt sich das mit einem Feuermelder: Er schlägt an, sobald er Rauch registriert, kann aber nicht unterscheiden, ob das Haus brennt oder jemand wenige Zentimeter vor dem Sensor ein Feuerzeug entzündet hat. Unser Emotionssystem funktioniert ganz ähnlich: Es reagiert auf das, was der Geist sich vorstellt. Schliesslich ist es ein biologisches System, das evolutionär darauf getrimmt wurde, blitzschnell auf Reize anzusprechen – nicht darauf, deren Wahrheitsgehalt langwierig zu prüfen.

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Der Roman als Lebenssimulator

Die Psychologen Keith Oatley und Raymond Mar formulierten 2008 die Simulationstheorie, wonach erzählende Literatur wie ein Simulator unseres Soziallebens funktioniert: Beim Lesen nehmen wir nicht bloss Fakten über den Handlungsverlauf auf, sondern wir visualisieren Situationen, seelische Zustände und Absichten. Fiktion übernimmt dadurch die Funktion, soziale Erfahrungen abstrahiert zu simulieren. Diese These fand bereits im Folgejahr empirische Bestätigung durch das Team um Nicole K. Speer: Sie beobachteten, dass bei der Lektüre von Handlungen fiktiver Figuren genau jene Hirnareale aufleuchteten, die für visuelle Wahrnehmung und motorische Steuerung zuständig sind – also dieselben Regionen, die feuern, wenn wir diese Bewegungen tatsächlich sehen oder ausführen. Das bedeutet: Als Lesende beobachten wir das Geschehen nicht von aussen, sondern konstruieren die Szene so, als stünden wir mittendrin. Diese Erkenntnis knüpft nahtlos an frühere Betrachtungen zur Ereignissegmentierung und zum roten Faden an (die entsprechenden Artikel finden Sie in den Links am Ende): Das mentale Ereignismodell, das unser Gehirn beim Lesen aufbaut, kreist um die handelnde Figur, ihre Erlebnisse und ihre Absichten. Wenn dieses mentale Modell eine Bühne ist, dann ist die Emotion das, was geschieht, sobald wir als Lesende diese Bühne betreten.

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Narrative Transportation und Identifikation

Natürlich rührt uns nicht jede Lektüre zu Tränen. Ein entscheidendes Element muss hinzukommen, das Stammleserinnen und -lesern von Un tè con Fabulè bereits vertraut sein dürfte: der narrative Transport (Narrative Transportation) – das Gefühl, ganz »im Buch zu versinken« und die unmittelbare Umgebung zeitweise zu vergessen. Dieses Eintauchen ebnet zugleich den Weg für die sogenannte narrative Empathie. Wie eine Studie von Matthijs Bal und Martijn Veltkamp aus dem Jahr 2013 belegt, wächst das Einfühlungsvermögen umso stärker, je tiefer Lesende sich vom Geschehen davontragen lassen. Hier gilt es jedoch, eine feine, aber wesentliche Unterscheidung zu treffen: Sich mit einer Figur zu identifizieren heisst nicht, exakt dieselben Emotionen zu durchleben. Wir fühlen vielmehr für die Figur als mit ihr. Wenn wir über das Schicksal eines Charakters weinen, empfinden wir nicht seinen originären Schmerz, sondern unseren eigenen Schmerz angesichts dessen, was ihm widerfährt.

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Warum uns Buchfiguren oft näher sind als reale Menschen

Daraus ergibt sich ein bemerkenswerter Gedanke: Häufig sind die Bindungen, die wir zu literarischen Figuren knüpfen, beständiger und tiefer als manche Beziehungen im wirklichen Leben. Woran liegt das? Zunächst am Zeitfaktor: Ein umfangreicher Roman hält uns über Tage, Wochen oder gar Monate hinweg in engstem Kontakt mit einer Figur. Wir erleben sie von innen heraus, haben unbeschränkten Einblick in ihre verborgensten Gedanken – eine Intimität, die uns im Alltag selbst bei engsten Vertrauten verwehrt bleibt. Der zweite Grund liegt in unserer kognitiven Architektur: Die Ereignissegmentierung zeigt, dass Figuren im mentalen Modell einer Geschichte absolute Priorität geniessen. Unser Geist fragt instinktiv zuerst: »Wer?«, und erst danach nach allem anderen. Diese einseitige emotionale Bindung an Personen, die faktisch nicht existieren, wurde von den Medienforschern Donald Horton und Richard Wohl als »parasoziale Interaktion« bezeichnet. Ursprünglich für das Fernsehen formuliert, um die Verbindung zwischen Zuschauern und medialen Persönlichkeiten zu beschreiben, liess sich das Konzept schnell auf fiktive Figuren und ihr Publikum übertragen. Auf dieser Grundlage prägte Jonathan Cohen von der Universität Haifa den Begriff des »parasozialen Beziehungsabbruchs« (parasocial breakup): Das Ende einer Serie, das Zuklappen des Buchs, der Tod oder das Verschwinden einer geliebten Figur können bei Lesenden echte Trennungs- oder Trauerreaktionen unterschiedlicher Intensität auslösen. Auch dieses Phänomen wurzelt in der Funktionsweise unseres Gehirns: Es reagiert auf den Reiz, ohne zu hinterfragen, ob am anderen Ende tatsächlich ein leibhaftiger Mensch steht. All dies könnte zu dem voreiligen Schluss verleiten, Lesen mache Menschen automatisch empathischer. Ganz so simpel ist der Zusammenhang jedoch nicht, und wissenschaftliche Studien liefern hierzu oft widersprüchliche Resultate. Gewiss besteht eine Korrelation zwischen Lesegewohnheiten und Empathie. Die Annahme aber, ein Roman steigere schlagartig das empathische Niveau eines Menschen, bleibt umstritten – schliesslich lässt sich ebenso argumentieren, dass von Natur aus empathische Menschen schlichtweg lieber lesen. Was sich jedoch mit Gewissheit sagen lässt: Die emotionale Anteilnahme an fiktiven Figuren ist ein erstklassiges Training unserer sozialen Fähigkeiten, auch wenn sie keinen automatischen Zuwachs garantiert.

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Warum suchen wir nach Geschichten, die schmerzen?

Oft greifen wir ganz bewusst nach Büchern, von denen wir wissen, dass sie uns zu Tränen rühren werden. Warum tun wir uns das an? Die Dozentinnen Mary Beth Oliver (Penn State University) und Anne Bartsch (Universität Leipzig) unterscheiden zwei Dimensionen des Mediengenusses:

  1. Vergnügen (Enjoyment), also die leichte, heitere Unterhaltung;
  2. Wertschätzung (Appreciation), das Gefühl, etwas Bedeutsames und Tiefgründiges erlebt zu haben, selbst wenn es schmerzhaft war. Daraus folgt: Traurige Geschichten bereiten selten klassisches Vergnügen, hinterlassen aber das nachhaltige Gefühl, wertvoll und bereichernd gewesen zu sein. Dieses Modell wurde mehrfach empirisch bestätigt. In einer Studie von Kaitlyn Fitzgerald und Matthew Grizzard zeigte sich etwa, dass Probanden, die nach dem Tod fiktiver Figuren gefragt wurden, sich weit eher an bedeutsame Todesfälle erinnerten als an solche, die Genugtuung verschafften (wie das Ableben eines Antagonisten). Was im Gedächtnis haften bleibt, sind jene Verluste, die uns berühren und nachdenklich stimmen, nicht jene, die uns triumphieren lassen. Die Forschenden vermuten sogar, dass fiktive Werke uns Raum bieten, eine Art »nicht autorisierte Trauer« auszuleben, indem die Figuren stellvertretend als Gefühlsüberträger fungieren. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2020 von David Huron und Jonna Vuoskoski legt nahe, dass der Genuss trauriger Kunst aus dem Mitgefühl erwächst: Lesende empfinden eine prosoziale, zutiefst heilsame Regung, wenn sie Anteil am Schicksal eines anderen nehmen, ohne selbst realen Schaden zu erleiden. Das Weinen bei einem Roman – etwa beim Tod einer Figur – schenkt uns die reinigende, wohltuende Seite der Tränen, ganz ohne deren zerstörerische Bitterkeit.
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Katharsis: Das am meisten missverstandene (und missbrauchte) Konzept

Häufig hört man, das Durchleben heftiger Emotionen an der Seite einer Figur führe zur sogenannten Katharsis. Von Aristoteles in seiner Poetik geprägt, meinte der Begriff ursprünglich die seelische Reinigung von Affekten wie Jammer und Schaudern durch das Erleben der Tragödie. Jahrhunderte später übertrugen Josef Breuer und Sigmund Freud das Konzept in die Psychoanalyse und etablierten ein hydraulisches Modell: Sie verglichen seelische Spannungen mit einer Flüssigkeit in einem geschlossenen Druckbehälter, die abgelassen werden müsse, um nicht zu explodieren. Eine bis heute wirkmächtige Metapher, die sich in Redewendungen wie »Dampf ablassen«, »alles herauslassen« oder »sich erleichtern« widerspiegelt. Empirisch hält dieses Konzept, insbesondere bei intensiven Emotionen wie Wut, einer Überprüfung jedoch nicht stand. Zwischen 1999 und 2002 untersuchte das Team um Brad Bushman an der Ohio State University, was geschieht, wenn verärgerte Personen ihren Zorn an einem Boxsack auslassen dürfen, während sie an ihre Kränkung denken, verglichen mit Personen, die abwarteten oder sich ablenkten: Wer auf den Boxsack einschlug, erwies sich hinterher als signifikant aggressiver. Das Abreagieren baute die Wut keineswegs ab, sondern hielt sie im Gegenteil im Zentrum der Aufmerksamkeit. Diese Befunde bedeuten freilich nicht, dass traurige Geschichten wirkungslos oder die vergossenen Tränen vergeblich wären. Melancholische Lektüren werden durchaus – wenn auch mit Bedacht – mit einer feineren Emotionsverarbeitung und einer langfristig stabileren Stimmungslage in Verbindung gebracht. Katharsis sollte daher weniger als mechanisches Entlüften inneren Überdrucks verstanden werden, sondern als aktive Transformation und Verarbeitung von Gefühlen: Eine Geschichte entleert uns nicht, sie bietet uns vielmehr einen geschützten Erfahrungsraum, in dem wir Emotionen in ihrer ganzen Tiefe spüren, benennen und mit Sinn erfüllen können.

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Warum weinen wir also um das, was wir lesen?

Fassen wir zusammen: Wir weinen um Figuren, die es gar nicht gibt, weil unser emotionales System auf mentale Vorstellungen reagiert, nicht auf notariell beglaubigte Tatsachen. Lesen heisst simulieren – und durch diese Simulation durchleben wir das Schicksal der Figuren von innen heraus. Gelingt der narrative Transport, verschwimmt die Grenze zwischen äusserer Realität und dem Kosmos der Seiten. Wir verbringen mit fiktiven Gestalten oft mehr ungeteilte, intime Zeit als mit vielen realen Zeitgenossen. Und Lesende suchen selten das blosse, flüchtige Vergnügen, sondern Bedeutung: In der Geborgenheit eines Buches dürfen wir verletzlich sein und alles empfinden. Zu weinen oder beim Lesen von starken Gefühlen überwältigt zu werden, ist somit der schönste Beweis dafür, dass die Magie der Literatur gewirkt hat: Die Geschichte hat uns erreicht, der narrative Sog ist entstanden, das Gedankenmodell steht, und ein Teil unseres Wesens hat sich einer Figur tief verbunden. Der nagende Zweifel vom Beginn, die leise Verlegenheit des »Es ist doch nur ein Buch«, darf getrost vergessen werden.

Was versteht die Lesepsychologie unter dem Paradoxon der Fiktion?

Das Paradoxon der Fiktion, 1975 von Colin Radford formuliert, beschreibt den Widerspruch zwischen dem rationalen Wissen um die Nichtexistenz einer Figur und den echten Gefühlen, die wir dennoch für sie empfinden. Für Radford wirkt diese Reaktion irrational, da echtes Mitgefühl im Alltag an die Überzeugung gekoppelt ist, dass das Gegenüber tatsächlich existiert.

Wie reagiert das Gehirn, wenn wir die Geschichte einer Figur lesen?

Das menschliche Gehirn aktiviert beim Lesen dieselben neuronalen Netzwerke wie bei realen Erlebnissen, einschliesslich visueller und motorischer Zentren. Da unser emotionales Alarmsystem evolutionär auf Schnelligkeit ausgelegt ist, reagiert es unmittelbar auf innere Vorstellungen, ohne vorher die faktische Realität der Geschichte zu überprüfen.

Was bedeutet ein parasozialer Beziehungsabbruch am Ende eines Buches?

Der vom Kommunikationswissenschaftler Jonathan Cohen geprägte Begriff beschreibt echte Trauer- oder Trennungsgefühle beim Abschluss eines Werks oder beim Tod einer Hauptfigur. Diese Reaktion entsteht aus der einseitigen, aber intensiven Bindung, die Lesende über viele Seiten hinweg durch den tiefen Einblick in das Innenleben der Figur aufgebaut haben.

Warum suchen Menschen gezielt nach Büchern, die sie zum Weinen bringen?

Lesende wählen traurige Geschichten, um ein tiefes Bedürfnis nach Wertschätzung und existenzieller Bedeutung zu stillen, das über reine Unterhaltung hinausgeht. Das Weinen um eine fiktive Figur aktiviert prosoziales Mitgefühl in einem sicheren Rahmen, wodurch Schmerz und Verlust verarbeitet werden können, ohne realen Schaden zu nehmen.

Macht das Lesen von Romanen Menschen automatisch empathischer?

Nein, ein automatischer Zuwachs an Empathie lässt sich wissenschaftlich nicht garantieren, auch wenn ein deutlicher Zusammenhang zwischen Lektüre und sozialer Sensibilität besteht. Studien deuten darauf hin, dass empathische Personen generell häufiger lesen. Das Mitfühlen mit Figuren schult zwar die sozialen Fähigkeiten, garantiert aber keine automatische Steigerung.

Was passiert wirklich bei einer emotionalen Katharsis durch Literatur?

Entgegen der veralteten Annahme eines hydraulischen Druckablasses dient die literarische Katharsis nicht dem blossen Abreagieren von Affekten. Vielmehr eröffnet eine dramatische Handlung einen sicheren Raum, um komplexe Emotionen bewusst wahrzunehmen, zu durchleben und kognitiv einzuordnen.

Worin liegt der Unterschied zwischen Identifikation und dem Mitempfinden gleicher Gefühle?

Sich mit einer Figur zu identifizieren bedeutet nicht, identische Gefühle zu spüren, sondern eine eigene emotionale Haltung zu ihren Gunsten einzunehmen. Wenn Lesende weinen, empfinden sie nicht den Schmerz der Figur selbst, sondern echtes eigenes Mitgefühl für deren Schicksal, ermöglicht durch den narrativen Transport.

Warum binden wir uns an Buchfiguren mitunter stärker als an reale Menschen?

Ein umfangreiches Werk ermöglicht über Tage oder Wochen einen lückenlosen Einblick in die intimsten Gedanken einer Figur, was in der Realität selbst bei engsten Bezugspersonen unmöglich ist. Zudem räumt unser Gehirn handelnden Charakteren beim Aufbau der mentalen Szenerie höchste kognitive Priorität ein.

Was unterscheidet Vergnügen von Wertschätzung bei einer traurigen Geschichte?

Mary Beth Oliver und Anne Bartsch unterscheiden zwischen flüchtigem Vergnügen (Enjoyment) und tief empfundener Wertschätzung (Appreciation). Traurige Bücher bereiten Lesenden zwar selten leichte Unterhaltung, werden aber als bedeutsamer und nachhaltig bereichernd wahrgenommen, da sie existenzielle Themen berühren.

Warum bleiben uns Tode geliebter Figuren länger im Gedächtnis als die von Bösewichten?

Todesfälle, die uns rühren und zum Nachdenken anregen, hinterlassen tiefere kognitive Spuren als das befriedigende Ableben eines Antagonisten. Studien zeigen, dass fiktive Verluste bedeutsam erinnert werden, weil sie Lesenden die Möglichkeit geben, stellvertretend Trauerprozesse in einem geschützten Rahmen zu durchlaufen.

Warum tut Weinen beim Lesen laut wissenschaftlichen Studien gut?

Studien von David Huron und Jonna Vuoskoski zeigen, dass die Trauer beim Lesen aus echtem Mitgefühl entspringt. Lesende erleben dabei eine prosoziale, verbindende Regung, ohne reale Bedrohung oder echten Schmerz ertragen zu müssen. Es ist ein Weinen, das seelisch entlastet und guttut, ohne zu verletzen.

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