Wie man sich in russischen Romanen zurechtfindet
Aktualisiert am
Stell dir folgendes Szenario vor: Du bist im Urlaub und hast dich für eine entspannte Lektüre im Liegestuhl entschieden. Etwas ganz Unbeschwertes, wie Krieg und Frieden oder, besser noch, Die Brüder Karamasow. Du bist mitten im Buch angekommen. Die Szene beschreibt ein überfülltes Zimmer, alle schreien durcheinander, und plötzlich betritt ein gewisser Mitja die Bühne. In den zweihundert Seiten davor bist du bereits einem Dmitri begegnet, dann einem Dmitri Fjodorowitsch, dann einem Karamasow und irgendwann auch noch einem Mitenka. Vier verschiedene Personen? Drei? Oder doch nur eine einzige? Du blätterst zurück, findest die Stelle nicht, liest ein halbes Kapitel noch einmal – doch in der Zwischenzeit ist die mühsam aufgebaute Spannung der Szene dahingeschmolzen wie ein Eis in der Sommersonne.
Bringen wir also etwas Licht ins Dunkel, damit du den Rest des Buches ganz entspannt genießen kannst. Als praktisches Beispiel behalten wir gleich unsere Figur bei: Dmitri Fjodorowitsch Karamasow.
Die gute Nachricht vorweg: Es braucht gar nicht viel, um das System zu durchschauen. In einem russischen Roman verrät dir der Name nämlich nicht nur, wer eine Figur ist, sondern auch, wie sie in dieser spezifischen Szene von ihrem Gegenüber wahrgenommen und behandelt wird.

Die drei Teile eines russischen Namens
Dmitri Fjodorowitsch Karamasow: drei Elemente in einem Namen, drei völlig unterschiedliche Funktionen. Das erste ist der Vorname, Dmitri. Das dritte ist der Familienname, Karamasow. Das Element in der Mitte – Fjodorowitsch – ist das Patronym (der Vatersname). Es ist der einzige Bestandteil, der im Deutschen kein direktes Äquivalent hat: Es handelt sich nicht um einen zweiten Vornamen, den die Eltern etwa zu Ehren eines Verwandten oder Heiligen wählen, sondern um eine Form, die direkt vom Vornamen des Vaters abgeleitet wird. Fjodorowitsch bedeutet ganz praktisch „Sohn von Fjodor“. Bis hierhin ist alles ziemlich klar, oder? Aber was ist mit Mitja? Und Mitenka? Keine Sorge, genau dazu kommen wir jetzt.

Warum aus Dmitri plötzlich Mitja wird
Hier kommen wir zu dem konzeptionellen Sprung, der das Russische von vielen anderen Sprachen unterscheidet. Dmitri, Dmitri Fjodorowitsch, Karamasow, Mitja und Mitenka sind nicht fünf verschiedene Figuren, sondern spiegeln fünf verschiedene Beziehungsregister wider. Es ändert sich die Form, es ändert sich die „Temperatur“ der Beziehung – aber die Identität bleibt dieselbe. Hier ist eine Übersicht zur Verdeutlichung:
- Vorname + Vatersname (Dmitri Fjodorowitsch): Dies ist die Form des Respekts und der höflichen Distanz. Man verwendet sie gegenüber Vorgesetzten, Fremden, Respektspersonen oder wenn man bewusst Distanz wahren möchte;
- Nur der Nachname (Karamasow): Diese Form ist offizieller, bürokratischer oder wird vom Erzähler genutzt. So steht der Name beispielsweise in einem Polizeiprotokoll oder wird von einer distanzierten Erzählstimme verwendet;
- Die Kurzform oder das Diminutiv (Mitja, Rodja, Wanja): Sie signalisiert Vertrautheit und Nähe. Man verwendet sie in der Familie, unter Kindheitsfreunden oder wenn eine Beziehung eine gewisse Intimität erreicht;
- Die Koseform (Mitenka, Rodenka, Wanetschka): Sie fügt eine starke emotionale Note hinzu. Hier ist jedoch Vorsicht geboten: Sie kann Zärtlichkeit, Mitleid, Ironie, Herablassung oder auch eine vorgetäuschte Vertrautheit ausdrücken, um etwas Bestimmtes zu bezwecken. Die Bedeutung dieser Form ergibt sich stets aus der Szene selbst, nicht allein aus dem Suffix – sie hängt davon ab, wer sie ausspricht, in welchem Tonfall und in welchem Kontext.
Zudem gibt es eine kleine Stolperfalle, die mit der gesprochenen Sprache zusammenhängt: In Dialogen werden Vatersnamen im Russischen oft zusammengezogen. So wird beispielsweise Arkadjewitsch im Gespräch zu Arkadjitsch oder Nikolajewitsch zu Nikolajitsch. Das sind keine Tippfehler und auch keine neuen Figuren, sondern spiegelt schlicht die natürliche Umgangssprache wider.
An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Blick auf die Endungen. Am häufigsten begegnen dir zwei Paare: -owitsch / -ewitsch für Männer und -owna / -ewna für Frauen. Auch wenn dies keine universelle Regel ist: Wechselt man beispielsweise von Die Brüder Karamasow zu Krieg und Frieden, stößt man bei dem Namen Ilja auf Abweichungen wie Iljitsch (für den Sohn) und Iljinitschna (für die Tochter).
Ein letzter wichtiger Hinweis: Viele russische Nachnamen haben eine weibliche Form. Aus Karenin wird Karenina, aus Rostow wird Rostowa und aus Raskolnikow wird Raskolnikowa. Es handelt sich hierbei nicht um unterschiedliche Familien, sondern um denselben Namen in seiner weiblichen Deklination.

Das Patronym als genealogischer Wegweiser
Sobald man es einmal verstanden hat, liest sich das Patronym wie eine kleine Landkarte der Familienbeziehungen. In Die Brüder Karamasow sind Dmitri, Iwan und Alexej allesamt Fjodorowitsch, weil ihr Vater Fjodor Pawlowitsch heißt. In Anna Karenina teilen Anna Arkadjewna und Stepan Arkadjitsch denselben Stamm Arkad-. Im Kontext des Romans, der sie uns als Geschwister vorstellt, fungiert das Patronym als ständige Erinnerung an ihre familiäre Verbindung. In Krieg und Frieden verweisen Natalja Iljinitschna, Nikolaj Iljitsch und Pjotr Iljitsch allesamt auf ihren Vater Ilja Rostow.
Hier müssen wir jedoch eine wichtige Einschränkung machen, um Missverständnisse zu vermeiden: Das Patronym beweist nicht zwangsläufig eine Verwandtschaft. Es zeigt lediglich, dass die Väter denselben Vornamen trugen (über die Mutter sagt es hingegen gar nichts aus). In Russland gibt es Millionen Männer namens Nikolaj. Zwei zufällige Personen mit dem Patronym Nikolajewitsch sind also ebenso wenig miteinander verwandt wie zwei beliebige Personen mit dem Nachnamen Müller in Deutschland, Smith in England oder Garcia in Spanien.

Namenswechsel bedeuten Szenenwechsel
Wenn also eine bestimmte Namensform Distanz signalisiert, dann zeigt ein Wechsel der Form eine Dynamik an. Nennt eine Figur jemanden plötzlich Wanja statt zuvor Iwan Fjodorowitsch, teilt uns das etwas mit: eine neu gewonnene Vertrautheit, eine Annäherung, eine bevorstehende Bitte oder auch den Versuch einer liebevollen Manipulation.
Ebenso vielsagend ist die umgekehrte Bewegung: Wer von Wanja zu Iwan Fjodorowitsch zurückkehrt, kühlt die Beziehung merklich ab, sucht den Streit, stellt eine Hierarchie wieder her oder spricht schlicht in Gegenwart Dritter. Keine dieser Formen hat eine starre, festgeschriebene Bedeutung. Man muss stets den Tonfall, die Situation und die sprechende Person im Blick behalten. Sich im Dschungel der Namen und Vatersnamen zu verlieren, birgt also nicht nur die Gefahr, Figuren zu verwechseln – man verpasst vor allem subtile Zwischentöne und Informationen, die der Autor uns ganz ohne explizite Erklärungen vermittelt.

Die Krux mit der Transliteration
Zu guter Letzt müssen wir eine Besonderheit russischer Romane im Allgemeinen beachten: Im Original sind sie in kyrillischer Schrift verfasst. Jede Übersetzung in eine andere Sprache erfordert daher eine Transkription (oder Transliteration) – und diese Systeme sind keineswegs einheitlich oder universell.
Nehmen wir als Beispiel die Schreibweisen Alëša, Alioscia, Alyosha, Aliocha, Aliósha und Aljoscha: Sie alle stehen für ein und denselben russischen Kosenamen, basierend auf unterschiedlichen Systemen – der wissenschaftlichen Transliteration (Alëša), der italienischen (Alioscia), der englischen (Alyosha, die in manchen Ausgaben auch dann verwendet wird, wenn diese nicht direkt aus dem Russischen, sondern über eine englische Zwischenübersetzung entstanden sind), der französischen (Aliocha), der spanischen (Aliósha) und schließlich der deutschen Variante (Aljoscha).

Mehr Durchblick in drei einfachen Schritten
- Präge dir die vollständige Namensform beim ersten Auftreten ein: Wenn eine Figur die Bühne betritt, wird sie in russischen Romanen fast immer in voller Länge mit Vorname, Vatersname und Nachname vorgestellt. Markiere dir diese Stelle, zum Beispiel mit einem Eselsohr oder einem Lesezeichen – sie ist dein wichtigster Schlüssel;
- Verknüpfe die Varianten: Dmitri = Dmitri Fjodorowitsch = Karamasow = Mitja = Mitenka. Eine kleine, mit Bleistift auf das Vorsatzblatt geschriebene Liste spart dir später stundenlanges Suchen;
- Achte darauf, wer welche Form benutzt: Versuche nicht nur zu entschlüsseln, wer gemeint ist, sondern frage dich, warum eine Figur in genau dieser Szene diese spezifische Namensform wählt. Genau hier liegt der erzählerische Mehrwert.
Noch zwei kleine Vorsichtsmaßnahmen als Bonus: Leite, wie wir gesehen haben, niemals eine Verwandtschaft allein aus dem Vatersnamen ab. Und vor allem: Meide Enzyklopädien und vollständige Figurenverzeichnisse. Diese sind meistens aus der Perspektive des Romanendes geschrieben, weshalb die Spoilergefahr riesig ist.
Fabulè kann dir genau dabei helfen: Die voreingestellte Frage „Figuren“ ist ideal, um Licht in jedes Namenswirrwarr aus Kurzformen, Kose- oder Vatersnamen zu bringen. Sie zeigt dir klipp und klar, wer wer ist – ohne dabei Wendungen vorwegzunehmen oder Geheimnisse über Beziehungen zu verraten, die du erst noch entdecken musst. So bleibt dein Leseerlebnis flüssig und entspannt, egal ob im Liegestuhl oder am Strand. Aber pass auf, dass du dir keinen Sonnenbrand holst!
Probieren Sie Fabulè aus, um den Faden Ihrer Lektüre wiederzufinden
Kostenlos starten